Projekt Taverne (Toskana) – Episode 4: Vergessene Handwerkskunst

Wie in Episode 3 schon erzählt, ist es der sehnlichste Wunsch meiner Frau eine Pergola im mediterranen Stil zu besitzen. Wobei wir wieder bei meiner kleinen mediterranen Auseinandersetzung sind. Was genau heisst eigentlich mediterran und wie zum Teufel sieht eine mediterrane Pergola aus?

Was ist mediterran?

Wer wissen möchte was man sich unter mediterran so vorstellen darf, findet im Internet super schnell und vor allem reichlich viele Antworten. Dort begegnet man unzählig Artikel in hundertfacher Ausführung und am Ende weiß man dennoch nicht so genau was mediterran eigentlich bedeutet. Es sind halt einfach zu viele Kulturen, in einem zu langem Zeitraum, welche die Gegend rund um das Mittelmeer geprägt haben. Deshalb wäre hier eine weitere “allgemeine” Abhandlung nicht nur Platzverschwendung, sondern auch echt unbefriedigend für mich als Schreiber und für euch als Leser(inen). Was für mich aber weniger unbefriedigend ist, sind meine persönlichen Meinungen zu diesem Thema und die wären wie folgt:

  1. Mediterran ist immer aufwendig!
    Also mal schnell den nächsten Baumarkt aufsuchen und ein Komplettset kaufen, ist schon mal nicht mediterran. So viel weiß ich mittlerweile.
  2. Mediterran muss harte und schweißtreibende Arbeit sein!
    Bisher war ausschließlich jedes Projekt eine physische und auch psychische Herausforderung. Anscheinend ist das so ein mediterranes Ding, dass man sich bei der Arbeit wie vor 2000 Jahren fühlt.
  3. Mediterran heißt niemals Neu!
    Neue Materialien gehen ja gar nicht, außer sie sehen so aus als ob sie zeitgleich mit dem Limes entworfen wurden.
  4. Mediterran ist Pinterest (irgendwie)!
    Was wären unsere Gartenprojekte ohne der Frauen Pinterest? Richtig, undenkbar. Mediterrane Gartenprojekte und die Pinterest Stichwortsuche sind einfach eine unzertrennliche Einheit und es ist heutzutage als Mann unvorstellbar, ein Bauprojekt ohne dessen Inspirationen beginnen zu dürfen *grins*.

Eine kleine Pinterest Exposé

Ich möchte an dieser Stelle noch ein paar Worte über besagte soziale Bilderplattform verlieren. In der Pre-Pinterestzeit war es für den Mann noch relativ einfach, einem Bauprojekt seinem Stempel aufzudrücken. Sprüche wie…

“Ohhh man, da haben wir wohl aneinander vorbei geredet. Tut mir echt leid.”

oder…

“Wäre zwar echt schön gewesen, aber ging von der Statik her nicht…”

…halfen einem stets weiter. Für die Dienstherrin wird heutzutage so eine gartenprojektliche Anweisung aber jetzt extrem vereinfacht. Da fallen solche aussagen wie…

“Schau her, da ist ein Bild, so will ich es haben.”

oder…

“Da auf dem Foto geht es aber…”

Jeglicher Versuch sich dann im Nachhinein herauszureden, enden meist in einer stotternden Katastrophe.

Irgendwie zeigen sich mir da Parallelen an die goldenen neunziger und die TV-Novelle Traumhochzeit? Für die etwas jüngeren unter euch, Traumhochzeit war eine Sendung von RTL+ (ja, damals noch mit Plus), welche die Erwartungen der meist weiblichen Heiratswilligen an ihren vorwiegend eher männlichen Partnern in ungeahnte höhen katapultierte. Da wurden doch tatsächlich Heiratsanträge öffentlich und dermaßen prunkvoll fingiert, wie sie in der realen Welt einfach nicht möglich waren. Wie Mann sich dabei fühlt, war dem Sender sch***egal. Wie soll man da noch einen vernünftigen Heiratsantrag zustande bekommen? War man doch von der Kacksendung total entmutigt worden. Wusste man doch schon im vorhinein, dass der eigene Gesuch bei der zukünftigen Gattin nicht mal ansatzweise an deren “neuen” Vorstellung herankam.

Um den Bogen zu Pinterest zu schlagen: Pinterest ist eine App die sehr ähnliche Gefühle hervorruft. Dort werden Fotos mit den besten Filtern der Welt veröffentlicht und so in Szene gesetzt, als ob sie aus mit Nichts und einfach mal so “nebenbei” gemacht wurden. Das aber in Wirklichkeit meist alles vorher konsequent inszeniert wurde und nachträglich “verbessert”, wird dabei verschwiegen. Man selber steht dann da und sieht sich das echt perfekte Bild an, was natürlich zur besten Tages- bzw. Nachtzeit und im bestmöglichen Lichtverhältnis geschossen wurde und denkt sich “what the fuck”, wie soll ich dem nur gewachsen sein? So, dass musste mal gesagt werden. Nun aber weiter im Text.

Handgehauene Balken

Bis vor etwa 100 Jahren war das bearbeiten der Stämme mit einer Breitaxt (yeah wie männlich), die einzigste Möglichkeit um Konstruktionshölzer jeglicher Art herzustellen. Nur so war es damals auch möglich, einen rundgewachsenen Baum in ein kantiges Korsett zu zwängen.

Natürlich machte die industrielle Revolution auch vor der Zimmereizunft keinen Halt und im Folge dessen wollte keiner mehr mühevoll seine Beil schwingen. Viel lieber holte man sich ein fertiges rechteckiges Holzstämmchen aus dem Sägewerk, was ja auch irgendwie verständlich war. Allerdings verschwand so das Handwerk “Behauen” in den Annalen der Zimmermannskunst und die Chance heutzutage auf Erhalt jener ins unermessliche. Inzwischen ist schwer geworden an handgehauene Balken zu kommen und wenn doch, dann werden diese meist in Gold aufgewogen.

Wieso erzähle ich euch das? Weil eben seit dem Pinterest-Trip meiner Frau, handgehauene Balken unverzichtbar für eine mediterrane Pergola sind. Wie es der Zufall aber so will (na gut, ganz so zufällig war es nicht, ich war schon wochenlang aktiv auf der Suche), fand ich einen Abriss der beinahe alle Bedingung erfüllte.

Beinahe deshalb, weil der Großteil der aussortierten Balken normales Holzwerk war. Demnach musste ich die antiken und mit dem Hackebeil verprügelten Balken erst einmal aus dem riesigen Haufen an Gehölz heraus sortieren. Ich brauche eigentlich nicht erwähnen, dass die meisten handgehauenen Balken ziemlich weit unten zu finden waren. Somit musste der Haufen fast im Ganzen umgestülpt werden und das mit der Hand wohlgemerkt. Na wenn das mal nicht mediterran ist!

Nachdem ich gefühlte zehn Tonnen Holzbalken bewegt hatte, was gut zwei Stunden harte Arbeit bedeutet hat, konnte alles in mediterran südländischer Art aufgeladen, festgezurrt und nach Hause kutschiert werden. Da die Ladung hinten gute zwei Meter über den Anhänger baumelte, schaukelte sich bei jeder kleinen Bodenwelle das Gespann auf, wie die Gorch Fock bei starkem Seegang. Ja, wenn schon südländisch, dann aber richtig (Hoffentlich liest das mein Vater nicht).

Zuhause angekommen wurden die grob zurecht gesägten Balken von Nägel und Eisen jeglicher Art befreit. Anschließend sind sie vermessen und ihrer zukünftige Bestimmung zugewiesen worden. Ja, bei handgehauenen Balken sieht die Sache halt etwas anders aus. Die Länge der Balken gibt letztendliche die Größe des Pergola vor und nicht umgekehrt. Das hat natürlich zur Folge, dass alle Vorarbeiten erst jetzt erledigt werden konnten.

Errichten der Fachwerkkonstruktionen

Da die Pergola größtenteils auf der Steinmauer aufliegen wird, verzichtete ich auf eine Vielzahl an Stützbalken. Genauer gesagt konnte ich die Anzahl der Stützen auf eine Einzige reduzieren.

Um den einzigsten Stützbalken möglichst unsichtbar vor Staunässe zu schützen, griff ich auf höhenverstellbare Pfostenträger (Amazon) zurück. Diese werden auf der oberen Seite mit dem Balken und auf der unteren Seite mit dem Fundament verschraubt und besitzen so einen vernünftigen Abstand zum feuchten Erdreich. Leider fehlte zu diesem Zeitpunkt noch das besagte Fundament und musste demnach erst noch gegossen werden.

Bis das Fundament ausgehärtet war, konnte ich mich noch um die weiteren Arbeiten kümmern. Eine dieser Arbeiten betraf die Pfette, welche waagrecht auf der Mauer aufliegen soll. Wie schon beim Stützbalken, wollte ich auch die Pfette vor Nässe schützen. Zu diesem Zweck besorgte ich mir zwei antik aussehende Pfostenträger (Amazon), welche einfach nur in die vorhandene Mauer betoniert wurden.

Um die Pfette einigermaßen Waagrecht zu halten, wurden die Pfostenträger vor dem betonieren in gleicher Höhe unterkeilt und erst dann in Beton gegossen. Nach ein paar Tagen war alles so weit hart, dass der erste handgehauene Balken aufgesetzt und verschraubt werden konnte.

Mittlerweile war auch das gegossene Fundament hart genug, um den Stützbalken samt Pfostenträger aufschrauben zu können. Da die ganze Sache vorläufig etwas wackelig daherkommt, wurden Stützlatten verschraubt. Diese Latten stützen das Konstrukt solange, bis es sich als Konstruktion mit allen Pfetten und Sparren selber versteift hat.

Eigentlich könnte man jetzt die Pfette mit der einen Seite am Stützbalken befestigen und die andere Seite auf der Mauer aufliegen lassen. Dummerweise ist die Mauer aber ein ganzes Stück tiefer als der Stützbalken. Jetzt könnte man den Stützbalken soweit kürzen, bis man auf der Höhe der Mauer angekommen ist. Das hätte aber zur Folge, dass nur noch Nabelküsser im aufrechten Zustand die Pergola besuchen könnten.

Also musste das ganze Mauerseitig in irgendeiner Art und Weise erhöht werden. Am einfachsten wäre es gegangen, wenn ein weiterer Stützbalken den Höhenunterschied zwischen Pfette und Mauer ausgleichen würde. Allerdings hat das Schicksal einen seltsamen Sinn für Humor und der Stützbalken müsste genau an der Stelle angebracht werden, an der die Mauer Steil nach unten fällt.

Dadurch ergeben sich zwei Möglichkeiten. Möglichkeit Eins: Ich versetzte den Stützbalken an der Mauer soweit nach innen, bis diese wieder eben wird, oder Möglichkeit Nummer Zwei: Ich bastle irgendwie eine ebene Fläche ans Gefälle. Natürlich entschied ich mich für Möglichkeit Nummer Zwei, da ich ein versetzten und damit nicht paralleles verlaufen der Pfetten unbedingt vermeiden wollte.

Ich gebe zu, die Schalung sieht sehr abenteuerlich aus, erfüllt aber ihren Zweck. Für zusätzlichen halt wurden noch Armierungsstäbe in das Fundament und in die Mauer mit eingearbeitet.

Nachdem das ganze erhärtet und noch mit ein paar Flussbausteinen verkleidet wurde, sah es sogar ganz annehmbar aus. Jetzt endlich konnte der Stützbalken und die Pfette verzapft und verschraubt werden.

Der Rest der Arbeit war dann Pillepalle und bestand darin die restlichen handgehauenen Balken gleichmäßig auf den Pfetten zu verteilen und festzuschrauben. Was jetzt noch fehlt ist ein richtiger Boden.

2 Gedanken zu „Projekt Taverne (Toskana) – Episode 4: Vergessene Handwerkskunst“

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